KAROSHI-Tod durch Überarbeitung

 

Werberiese Dentsu muss vor Gericht
(Bruno Spari)

 

Ein Gericht in Tokio hat jüngst entschieden, dass Dentsu wegen vermeintlicher  Verletzungen der Arbeitspraxis vor Gericht zitiert wird. Diese Entscheidung wird bei vielen Unternehmen in Japan Alarm auslösen, besonders angesichts der Tatsache, dass derartige Fälle in der Vergangenheit meist außergerichtlich mit der Bezahlung einer Strafe von ca. 4000€ erledigt waren. Mehr scheint den Entscheidungsträgern ein Leben eines japanischen Arbeiters nicht wert gewesen zu sein. Wohl erst durch den Druck der Öffentlichkeit, Fälle von „Karoshi“ oder Tod durch Überarbeitung ernsthafter zu behandeln, hat das Gericht diesen weiteren Schritt wahrgenommen.

Der Selbstmord der 24-jährigen Matsuri Takahashi im Dezember 2015 war nach Schlussfolgerung der Arbeitsinspektoren das Resultat von Überarbeitung. Takahashi hatte 105 Überstunden in einem Monat arbeiten müssen, mehr als das Doppelte der erlaubten maximalen 50 Stunden. In einem anderen „Karoshi-Fall“ im April 2014 starb der 27-jährige Philippiner Joey Tocnang an Herzversagen, nach monatlichen 80-122 Überstunden im Rahmen eines Trainingsprogramms für Ausländer, das viele japanische Firmen nutzen, um an billige Arbeitskräfte zu kommen.

Laut nationalem Polizeibericht und dem hierfür zuständigen Kabinett waren in Japan im Jahre 2015 lange Arbeitszeiten teilweise verantwortlich für 2159 Selbstmorde.

Japan habe „die schlimmsten Standards für lange Arbeitszeiten unter den fortgeschrittenen Nationen“, schreibt die konservative Yomiuri-Zeitung. „Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter zwingen, übermäßig viele Überstunden zu machen, erhöhen am Ende nicht ihre Produktivität“, heißt es in der Zeitung.

Schadensersatzansprüche für Karoshi-Fälle haben die Rekordzahl von 1456 im letzten Jahr erreicht. Laut Hiroshi Kawahito, Generalsekretär des National Defence Counsel für Opfer von Karoshi, könnte die tatsächliche Zahl um das Zehnfache höher liegen, da die Regierung sich zurückhalte, Todesfälle durch Überarbeitung anzuerkennen.

Japanische Staatsbeamte tragen aber die Hauptverantwortung dafür, wie strikt Gesetze, Verordnungen oder Empfehlungen zu verstehen sind. Der Einfluss des Beamtentums auf Wirtschaft und Politik Japans wird dadurch erleichtert, dass erstklassige Ministerialbeamte nach ihrer Pensionierung in Industrieunternehmen und Wirtschaftsverbände wechseln. Dieser Vorgang wird in Japan „Amukadari“ (Abstieg vom Himmel) genannt. Aufgrund dieses Wechsels sorgen die dafür vorgesehenen Beamten schon früh für eine einvernehmliche, harmonische Basis mit ihrer zukünftigen wirtschaftlichen Umgebung.

Da Japaner exzessive Arbeitspraktiken nun nicht länger hinnehmen wollen, sieht sich die Regierung gezwungen, in Richtung Gesetzgebung etwas dagegen zu unternehmen.

Es stellt sich die Frage, warum heute 20 Prozent aller Arbeitskräfte in Japan vom Risiko eines Todes durch Überarbeitung betroffen sind.

Karoshi oder Tod durch Überarbeitung war für mich zu Beginn meines Japanaufenthalts nicht mehr als ein guter Witz, denn nach meinem europäischen Werteverständnis würde sich niemand zu Tode arbeiten.

Heute erkenne ich, dass Japaner aus einer uns fremden Kultur heraus „funktionieren“, speziell, was ihr Verhalten am Arbeitsplatz betrifft. Es ist ihnen eine innere Verpflichtung, einer Obrigkeit zu folgen, ob dies nun der „Sempai“ (älterer Mitschüler) in der Schule oder eben der Boss in der Firma ist. Kaum ein Büroangestellter wagt es, früher Feierabend zu machen als der Chef. Der Fleiß eines Japaners wird von der Gesellschaft an seiner Abwesenheit von zu Hause gemessen – je länger er im Büro bleibt, desto fleißiger ist er.

Zu Beginn der 70ger Jahre hat mein Geschichtsprofessor Lobeshymnen über den Fleiß der Japaner angestimmt, so als würde jede andere Volksgruppe in Faulheit ersticken. Hätte ich damals gewusst, dass dieser „Ameisenfleiß“ bei jedem fünften arbeitenden Japaner im Risiko seines frühzeitigen Ablebens ausartet, hätte ich jene Lobeshymnen etwas in Perspektive rücken können. Später, während der „Seifenblasen-Wirtschaft“, hatte ich dann selbst Gelegenheit, meinen japanischen Schülern die Frage zu stellen, wie fleißig Japaner nun wirklich seien. Die Antwort: „ Bis 5 Uhr trödeln viele vor sich hin, wenn sie sehen, dass sie nicht viel Arbeit haben, und ab 5 Uhr erledigen sie dann ihr Arbeitspensum, um Überstunden schreiben und darüber hinaus auch noch als „fleißig“ angesehen werden zu können.

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