CRYSTAL METH, MEPHEDRON, ALKOHOL…

Die Interviewpartnerin möchte aus persönlichen Gründen nicht namentlich genannt werden.

CRYSTAL METH, MEPHEDRON, ALKOHOL…
EIN VENTIL-INTERVIEW ÜBER SUBSTANZGEBUNDENE ABHÄNGIGKEITEN UNSERER GESELLSCHAFT

INTERVIEW
SONJA JAMBROVIC
26.05.2017, 12.00

VENTIL: Womit beschäftigst du dich? Was ist dein Fach?
A: Ich beschäftige mich mit Psychiatrie, genauer gesagt Psychiatrie und Psychotherapie. So heißt das Fach, wenn man mit der Ausbildung fertig ist.
Das ist die neue Bezeichnung. Vormals war man Arzt für Psychiatrie, jetzt Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
VENTIL: Was hast du von deinem Medizinstudium als besonders mühevoll in Erinnerung? Gab es ein Fach, das du besonders schwierig gefunden hast?
A: Sehr anstrengend waren natürlich die drei großen Prüfungen im alten Studienplan. Das waren Anatomie, Pathologie und Innere Medizin, für die man im Schnitt sechs Monate bis zu einem Jahr lernen musste.
VENTIL: Siehst du in der Ausbildung Schwachstellen? Kommt man nicht erst sehr spät in die Praxis?
A: Jetzt kommen sie früher in die Praxis als wir im alten Studienplan. Mittlerweile hat man ein praktisches Jahr am Ende des Studiums. Eigentlich sind sie da noch Studenten, arbeiten aber auf Stationen. Das passiert trotzdem erst am Ende des Studiums.
VENTIL: Was ist im Vergleich zur alten Ausbildung nun richtig schwierig? Gibt es auch Positives, das sich aus der neuen Ausbildung entwickelt hat?
A: Eine richtige Hürde ist die Aufnahmsprüfung. Mittlerweile sind das eine Art Intelligenztests, bei denen es nicht mehr nur um naturwissenschaftliches Wissen und naturwissenschaftliches Verständnis geht. Im Vorfeld gibt es Vorbereitungskurse, die viel Geld kosten. Das Studium ist wie ein Schulsystem aufgebaut. Man hat oft geregelten Unterricht über den Tag verteilt. Das war früher anders. Man konnte die Vorlesung besuchen, es war aber nicht verpflichtend. Studium und Kind, wie ich das hatte, sind heutzutage kaum zu vereinbaren. Jetzt hat man Anwesenheitspflicht, lernt in Modulen …für die Pathologieprüfung sind das etwa drei Wochen.
Ein Student hat mir unlängst erzählt, man nenne das „bulimisches Lernen“. Man lernt und kotzt es danach wieder aus.
Das alles bringt auch eine ganz neue Ärzteschaft mit sich.
Die neuen Ärzte sind selbstbewusster, sie bestehen auf ihr Recht auf Ausbildung. Sie fordern mehr. Hirarchien weichen sich auf.
VENTIL: Womit beschäftigst du dich tagtäglich?
A: Mit Suchtkrankheiten – Alkohol, illegalen Substanzen, Spielsucht, also „pathologischem Glücksspiel“, wie sich die Krankheit eigentlich nennt. Ich beschäftige mich auch mit Angststörungen und Depressionen, die aber meistens mit der Sucht einhergehen. Man nennt das Komorbiditäten. Bei Suchterkrankungen finden sich sehr häufig solche. Oft werden beispielsweise Depressionen von den Betroffenen mit Suchtmitteln behandelt. Zu einem hohen Prozentsatz geht Sucht mit einer psychischen Erkrankung einher.
VENTIL: Beobachtet man auch Umgekehrtes? Das heißt, dass sich eine psychische Erkrankung aus einer Sucht entwickelt?
A: Ja, zum Beispiel Depressionen und Angsterkrankungen sind ganz typisch dafür.
VENTIL: Was steckt deiner Meinung nach dahinter, wenn es zu einem Suchtproblem kommt? Sieht man Ähnlichkeiten in den Biografien der Menschen, mit denen du arbeitest?
A: Sehr häufig sind es Menschen mit schlechten Startbedingungen. Menschen mit schwieriger Kindheit und posttraumatischen Belastungsstörungen. Häufig kommen sie auch aus Familien, in denen bereits eine Suchterkrankung vorliegt. Für die Entstehung der Alkoholkrankheit ist aus heutiger Sicht eine Trias aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren verantwortlich.
VENTIL: Lässt sich Sucht einem Geschlecht zuordnen?
A: Bei der Alkoholkrankheit sind es laut Statistik mehr Männer, aber die Frauen, und das sieht man auch bei den Jugendlichen, holen deutlich auf.
VENTIL: Arbeitest du nur mit erwachsenen Patienten?
A: Ja, mit Patienten über 18. Die jüngeren werden auf der Kinder.- und Jugendpsychiatrie behandelt.
VENTIL: Sind bei euch auch Essstörungen ein Thema?
A: Ja, sind sie. Zum Teil sind auch Essstörungen Komorbiditäten. Bulimie beispielsweise komorbiert mit Alkoholsucht oder Opiatabhängigkeit. Opiate reduzieren das Hungergefühl. Alkohol lässt nach drei Litern Wein zum Beispiel keinen Platz im Magen und hat außerdem ausreichend Kalorien.
VENTIL: Gibt es bei den illegalen Drogen neue Substanzen?
A: Es gibt ständig neue Substanzen, die in Labors in Asien oder Europa produziert werden und übers Internet verkauft werden. Dabei handelt es sich aber nicht mehr um die klassischen Suchtmittel wie LSD, Kokain oder Amphetamine, die strafbar sind. Es wird zum Beispiel nur eine chemische Kette der bekannten, strafbaren Substanzen verändert und man bewegt sich nicht mehr im strafbaren Bereich. Man bezieht die Suchmittel mit der Post. Auch künstlich hergestelltes, verändertes THC ist im Umlauf, das wie Gras aussieht, aber eine andere chemische Verbindung darstellt und straffrei übers Internet bestellt werden kann.
VENTIL: Erfährt man von den Patienten, wie und woher sie die Drogen beziehen?
A: Manchmal, aber nur vage. Viele erzählen auch von größeren Bestellungen, die dann verteilt werden.
VENTIL: Hat das auch den Konsum verändert? Ist man nun sozusagen „unkommunikativer“ geworden im Suchtalltag? Trifft man sich jetzt nicht mehr auf dem Umschlagplatz?
A: Vielleicht. Wir beobachten aber in jedem Fall, dass es noch immer Communities gibt, die gemeinsam konsumieren. Es sind aber andere Substanzen.
VENTIL: Gibt es neue Wirkungen?
A: Es sind ähnliche Wirkungen, da die bekannten Substanzen nur minimal verändert sind. Es gibt antriebssteigernde Substanzen, es gibt beruhigende. Es gibt Entaktogene mit starkem inneren Erleben, also bewusstseinserweiternde Drogen. In den Patientengesprächen ist mir aber nicht von völlig neuen Wahrnehmungen berichtet worden.
VENTIL: Gibt es dominante Drogen?
A: Cannabis und Opiate. Sicher Crystal Meth, das nach wie vor Thema ist. Mephedron kommt und geht. Beides Amphetamine.
VENTIL: Was weiß man über Mephedron?
A: Es wirkt aufputschend, entaktogen und macht ein starkes Verbundenheitsgefühl.
Man schnupft, spritzt oder raucht das. Die Leute, die das konsumieren, erkennt man am Geruch. Sie riechen ein wenig modrig, süß-säuerlich.
Die Konsumenten entwickeln nach Langzeitkonsum außerdem einen Dermatozoenwahn. Sie haben das Gefühl, dass sich unter der Haut Tiere befinden und kommen dann beispielsweise mit Kratzverletzungen, weil sie sich deshalb die Haut perforiert haben. Das sind haptische Halluzinationen.
VENTIL: Sind Opiate wie Heroin die Endstation in der Drogenkarriere?
A: Nicht unbedingt. Wenn jemand stabil substituiert ist, wie man das nennt, sind diese Konsumenten gut in unserer Gesellschaft integriert.
VENTIL: Was sind richtig schwierig zu behandelnde Süchte?
A: Polytoxikomanien. Da werden mehrere Substanzen kombiniert, um eine Wirkung mit einer anderen abzulösen – zum Beispiel „Benzos“, Opiate, Alkohol, Amphetamine. Diese Süchte sind schwer zu behandeln. Hier muss man Prioritäten setzen. Welche Substanz entzieht man zuerst? Wenn Alkohol im Spiel ist – dann zuerst vom Alkohol. Danach macht man sogenannte „Teilentzüge“.
VENTIL: Wann kann man eigentlich von Sucht sprechen? Viele trinken und rauchen.
A: Es gibt Kriterien, die der Psychiater für seine Diagnosestellung verwendet. Die findet man im ICD-10, im Diagnoseklassifikationssystem.  Das ist die Klassifikation, nach der wir arbeiten. Da gibt es sechs  Suchtkriterien. Erstens den Zwang, eine Substanz zu konsumieren, das sogenannte Craving. Weiters nennt man körperliche Entzugssymptome. Das Vernachlässigen von Interessen ist ein Punkt. Ein Kriterium ist auch der  Kontrollverlust, das heißt, man kann beispielsweise nicht nach zwei Bier stoppen, sondern trinkt bis zum Umfallen. Dazu gehört auch die Toleranzbildung. Das bedeutet, man braucht immer größere Mengen. Und der sechste Punkt ist ein anhaltender Substanzkonsum trotz schädlicher Folgen.
Alkohol als Substanz hat eigentlich kein hohes Suchtpotential. Sonst wäre jeder bereits Alkoholiker. Eine Alkoholkrankheit entwickelt sich mit der Zeit.
VENTIL: Wie entwickelt sich eine Alkoholabhängigkeit?
A: Zunächst hat man einen risikohaften Konsum. Die Grenzen zwischen diesem problematischen Gebrauch und einer Abhängigkeit sind fließend. Wenn es zu ungünstigen Umweltbedingungen oder traumatischen Erlebnissen kommt, führt der Konsum von Alkohol auch bei geringer Veranlagung rascher zu Abhängigkeit. Ziel ist, möglichst früh entgegenzusteuern.
VENTIL: Ist Sucht immer heimlich?
A: Die Gesellschaft und die Betroffenen selbst sehen Sucht oft als Schwäche und persönliches Versagen. Wer gibt schon gerne zu, dass er abhängig ist? Am Anfang einer Sucht würde ich sagen „ja“.
VENTIL: Schockiert dich ein spezielles Suchtmittel?
A: „Schockieren“ nein. Ich persönlich finde die Behandlung von Menschen, die illegale Substanzen konsumieren, schwieriger. Die Illegalität ist ein Bereich, der mehr Lügen notwendig macht. Bei legalen Substanzen wie Alkohol und Nikotin ist das anders, einfacher – weil die Lüge wegfällt.
VENTIL: Wie stehst du zur Legalisierung von Cannabis?
A: Ambivalent. Es würde vielleicht einiges erleichtern, wenn man es unter kontrollierten Bedingungen abgeben könnte. Ich denke auch nicht, dass viel mehr Jugendliche rauchen würden. Allerdings ist es nicht zu unterschätzen, weil es Psychosen beschleunigen  und für das Gehirn in der Entwicklung gefährlich sein kann.
Alkohol ist hier natürlich gleich gefährlich, aber er ist im Unterschied zu Cannabis in unserer Kultur verankert, damit wächst man auf. Verheerend sind die Folgeschäden von Alkohol. Nervenschäden, Gehirnathrophien, Leberzirrhosen, Gangunsicherheit und Demenz bis hin zum totalen Pflegefall.
Das ist bei Cannabis natürlich nicht zu erwarten. Schädigungen der Atemwege sind aber nicht zu unterschätzen. Ein Joint ist wissenschaftlich bewiesen so schädlich wie zehn Zigaretten.
VENTIL: Ich möchte noch eine ganz andere Beobachtung anschneiden. Sehr viele Jugendliche ritzen oder leiden heutzutage an Essstörungen. Was hat es eigentlich damit auf sich?
A: Ritzen hat mit Impulskontrolle zu tun. Es kommt häufig bei emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen-beim Borderlinetyp- vor. Beim Ritzen ist es sicher so, dass starke innere Spannungen da sind und die Betroffenen keine anderen Möglichkeiten haben, diese Spannungen abzubauen. Vermutlich haben sie solche nie gelernt.
Bei der Bulimie ist der Entstehungsmechanismus ein anderer. Das hat viel mit übertriebener Sorge um Körperform und Gewicht zu tun. Der Selbstwert spielt eine große Rolle, auch die gestörte Körperwahrnehmung. Häufig sind sehr ehrgeizige junge Menschen betroffen, die einen hohen Anspruch an sich selbst haben.
VENTIL: Das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Vielen Dank fürs bewusstseinserweiternde Gespräch!
A: Gerne!

25.Mai-Donnerstag-15.00-im Ventil

Personal interview with American Rose Eichhorn

Am Donnerstag (25.Mai) besucht uns Rose Eichhorn aus Colorado. In einem Interview wollen wir mehr über die USA erfahren. Wer Lust hat, das Gespräch mitanzuhören, ist herzlich eingeladen. Solltet ihr keine Zeit haben, könnt ihr es im Blog nachlesen.

SAMSTAG

Zunächst eine Blutdruckmessaktion in der Fuzo, danach ein Treffen für „auslage.in.arbeit“ und eines auf der Ventil-Baustelle.